Ausbildung in inklusiven Kontexten

Ausbildung von Anwärterinnen und Anwärtern des Lehramts für Sonderpädagogik in inklusiven Kontexten gem. APVO-Lehr § 7 Absatz 5 Satz 4 sowie DB zu § 7 der APVO-Lehr

Vorbemerkungen

Die folgenden Ausführungen geben einen Orientierungsrahmen für Anwärterinnen und Anwärter des Lehramts für Sonderpädagogik (LiVD), Schulleitungen der Förderschulen sowie der allgemeinen Schulen und betreuende und kooperierende Lehrkräfte bezüglich der Ausbildung in inklusiven Kontexten (s. 1.2).

Das Studienseminar Lüneburg für das Lehramt für Sonderpädagogik strebt an, dass die LiVD mindestens ein Viertel ihres Ausbildungsun­terrichts in allgemeinen Schulen bzw. in inklusiven Kontexten absolvie­ren. Die Ausbildung kann auch in vollem Umfang an der allgemeinen Schule erfolgen, sofern eine sonderpädagogische Ausbildung in beiden Förderschwerpunkten der LiVD sichergestellt ist. Dies ist der Fall, wenn eine Förderschullehrerin oder ein Förderschullehrer an der allgemeinen Schule tätig ist und die Rolle einer betreuenden Lehrkraft übernimmt. Außerdem muss gewährleistet sein, dass durch die Zusam­mensetzung der Schülerschaft in den Lerngruppen, in denen Ausbildungsunterricht erteilt wird, ausreichende Praxiserfahrungen in den jeweiligen sonderpädagogischen Schwerpunkten in Förderung und Prävention und in der Realisierung gemeinsamer Bildung und Erzie­hung von Schülerinnen und Schülern mit und ohne Beeinträchtigungen gesammelt werden können. Insbesondere in den Förderschwerpunk­ten Sprache, Lernen sowie Emotionale und soziale Entwicklung ist die Prävention Teil des Aufgabenfeldes der Förderschullehrerinnen und Förderschullehrer in inklusiven Kontexten. Daher ist es im Ausbildungs­unterricht nicht immer erforderlich, dass Schülerinnen und Schüler mit einem festgestellten Bedarf an sonderpädagogischer Unterstützung in der jeweiligen Lerngruppe unterrichtet werden (Regelungen zur Prüfung
s. 1.5).

Als allgemeine Schulen gelten alle allgemeinbildenden Schulen außer Förderschulen bzw. Förderzentren.

1. Organisatorischer Rahmen

1.1 Beginn der Ausbildung

Zu Beginn der Ausbildung einer LiVD planen die Schulleiterin oder der Schulleiter des Förderzentrums, dem die LiVD zugewiesen ist, gemein­sam mit der LiVD und ggf. der PS-Leiterin oder dem PS-Leiter den Einsatz in inklusiven Kontexten.

In den Fällen, in denen eine LiVD zwei Schulen zugewiesen wurde, kann zu Beginn der Ausbildung ein Startgespräch unter Beteiligung der LiVD, der Schulleitungen, der PS-Leitung sowie ggf. der betreuenden Lehrkräfte stattfinden, in dem der organisatorische Rahmen der Ausbil­dung in inklusiven Kontexten geklärt wird. Dabei soll es grundsätzlich Ziel sein, dass die LiVD mit Ausnahme des Mobilen Dienstes nicht an mehr als zwei Schulen eingesetzt ist. In dem Gespräch soll geklärt werden, in welchem Förderschwerpunkt die Ausbildung an der allge­meinen Schule erfolgt. Im fachlichen kooperativen Austausch wird der Einsatz der LiVD an beiden Schulformen im betreuten und eigenver­antwortlichen Ausbildungsunterricht abgesprochen.

Die LiVD teilt der Seminarleitung auf dem entsprechenden Formblatt mit, welcher allgemeinen Schule sie in Absprache mit der Schulleitung des Förderzentrums zugeordnet werden soll. Das Studienseminar regelt daraufhin die Zuordnung. Es erfolgt keine Abordnung der LiVD durch die Schulleitung der Förderschule bzw. des Förderzentrums.

1.2 Einsatz der LiVD – Verhältnis des eigenverantwortlichen zum
betreuten Unterricht in inklusiven Kontexten

Eine Ausbildung der LiVD ist in folgenden Organisationsformen im inklusiven Kontext möglich:

  • Sonderpädagogische Grundversorgung
  • Klassen der allgemeinen Schule, in denen einzelne Schülerinnen und Schüler inklusiv beschult werden und denen dadurch eine sonderpädagogische Unterstützung zusteht
  • Kooperationsklassen – sofern eine Zusammenarbeit mit einer Klasse der allgemeinen Schule stattfindet
  • Mobile Dienste

Dabei ist zu berücksichtigen, dass Ausbildungsunterricht nur in einem Fach erfolgen darf, das von der LiVD studiert wurde und in dem sie im Studienseminar ausgebildet wird. Nimmt die LiVD im Studienseminar an einer Zusatzqualifikation teil, kann sie in dem betreffenden Fach zwei Stunden betreuten Unterricht erteilen.

Beim Einsatz der LiVD in inklusiven Kontexten sollte berücksichtigt werden, dass ein Teil des Unterrichts als betreuter Unterricht erteilt wird, um durch die Betreuung durch eine Förderschullehrerin oder einen Förderschullehrer die sonderpädagogische Ausbildung sicherzu­stellen.

Der Einsatz im Mobilen Dienst erfolgt nach Absprache im Umfang von bis zu 2 Halbjahreswochenstunden durch eine entsprechende Zuord­nung des Studienseminars. Ein größerer Stundenumfang ist nur in begründeten Ausnahmefällen möglich.

LiVD des Lehramts für Sonderpädagogik sollten entsprechend der Qualitätsstandards für die sonderpädagogische Unterstützung in der allgemeinen Schule nicht als Vertretungslehrkräfte eingesetzt werden.

Um die Belastung der LiVD beim Einsatz in verschiedenen Schulen in einem vertretbaren Rahmen zu halten, treffen die beteiligten Schulen Regelungen bezüglich der Teilnahme an Dienstbesprechungen und pädagogischen Konferenzen sowie zur Begrenzung der Anzahl der Lerngruppen (wenn möglich nicht mehr als drei Lerngruppen, die Arbeit im Mobilen Dienst zählt dabei als eine Lerngruppe).

1.3 Beratungsbesuche in inklusiven Kontexten

Die PS-Leiterin oder der PS-Leiter und die Leiterinnen oder Leiter der Seminare der auszubildenden Förderschwerpunkte und Unterrichtsfä­cher begleiten die Ausbildung in der allgemeinen Schule. Beratungs­besuche finden entsprechend der Ausbildungsanteile in inklusiven Kontexten sowie in Förderschulen statt (in der Regel also mindestens ein Beratungsbesuch durch jede Fachseminarleitung in inklusiven Kontexten). Dieser Beratungsbesuch kann in Form eines Gespräches zur Aufgaben- und Rollenklärung auch ohne vorherigen Unterricht stattfinden und sollte vor Abgabe der Beurteilungen der Fachseminar­leiterinnen und Fachseminarleiter erfolgen.

Beratungsbesuche in inklusiven Kontexten können analog zu den o.g. Organisationsformen

  • im Gemeinsamen Unterricht
  • als Besuche in der Beratung im Rahmen der Tätigkeit des Mobilen Dienstes
  • als Besuch, bei dem in einem Beratungsgespräch die Tätigkeit in der Beratung, Diagnostik und Kooperation im inklusiven Kontext reflektiert wird
  • in der Diagnostik für die Dokumentation der individuellen Lernent­wicklung (ggf. auch Förderplanung)

durchgeführt werden.

Die Zusammenarbeit im Gemeinsamen Unterricht muss so erfolgen, dass die Anteile der LiVD deutlich zu erkennen sind.

1.4 Betreuende Lehrkräfte

Betreuende Lehrkräfte im Sinne der APVO-Lehr sind Förderschulleh­rerinnen oder Förderschullehrer, da die Ausbildung für das Lehramt für Sonderpädagogik erfolgt.

Mögliche Aufgaben:

  • Gesprächspartner/in bei fachlichen Fragen;
  • Teilnahme am Unterricht der LiVD;
  • Hospitationen im Ausbildungsunterricht der LiVD
  • Hospitation der LiVD im Unterricht der betreuenden Lehrkraft.

Anwärterinnen und Anwärter des Lehramts für Sonderpädagogik unter­richten an der allgemeinen Schule in Doppelsteckung mit einer Lehrkraft der allgemeinen Schule, die nicht in der Rolle einer betreuen­den Lehrkraft, sondern als Co-Lehrkraft agiert. Die Lehrkraft der allge­meinen Schule kann bei Unterrichtsbesuchen auch an der Nachbesprechung teilnehmen.

Da die Qualität der Stundenreflexion der LiVD bewertungsrelevant ist, wird sie eigenständig von der LiVD durchgeführt.

1.5 Prüfung in der allgemeinen Schule

Eine Prüfung in der allgemeinen Schule ist gemäß APVO-Lehr möglich. Dabei ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit so auszurichten, dass bei der Planung, Durchführung und Reflexion des Unterrichts die Einzelleistung der LiVD sichtbar wird.

Bei der Auswahl der Prüfungslerngruppen an der allgemeinen Schule ist zu berücksichtigen, dass in den Lerngruppen nach Möglichkeit jeweils mindestens zwei Schülerinnen oder Schüler unterrichtet werden, die einen Bedarf an sonderpädagogischer Unterstützung in dem für die Prüfung gewählten Förderschwerpunkt haben.

Die Stellungnahme zur Lerngruppe erfolgt durch die betreuende Lehrkraft. Dies ist in der Regel eine Förderschullehrkraft. Auch die Lehrkraft der allgemeinen Schule kann zur Lerngruppe Stellung nehmen.

Die Aufgaben der Schulleiterinnen und Schulleiter der Förderzentren bzw. der allgemeinen Schulen bezogen auf die Ausbildung, die Ausbil­dungsnote und die Prüfung werden in der Handreichung des Studien­seminars „Beurteilung durch die Schulleitungen“ beschrieben (s. Downloadcenter der Homepage des StS. LG).

2. Inhaltliche Ausgestaltung – Mögliche Formen der Zusammen-arbeit im Unterricht

Sonderpädagogische Unterstützung in allgemeinen Schulen im Rahmen der Ausbildung bedeutet Zusammenarbeit von Lehrkräften in gemeinsamer pädagogischer Verantwortung für alle Schülerinnen und Schüler. Es findet eine Orientierung an den für die jeweiligen Schülerinnen und Schüler geltenden curricularen Vorgaben, ggf. unter Berücksichtigung eines Nachteilsausgleichs für Einzelne, statt. Die rechtlichen Vorgaben sind dabei zu berücksichtigen. Gemeinsamer Unterricht mit individualisierter Zugangsweise zu gemeinsamen Themen ist einer separierenden Unterrichtsorganisation vorzuziehen.

Die Unterrichtsplanung und -durchführung erfolgt in der Regel zusammen mit der kooperierenden Lehrkraft der allgemeinen Schule, sodass die Ausbildung im Bereich der Teamarbeit gewährleistet ist. Die Struktur der Zusammenarbeit (z.B. vereinbarte Verfahrenswege, Rollenklärung, Steuerungsaufgaben) soll, bezogen auf die jeweilige Unterrichtsstunde, in der schriftlichen Planung zum Unterricht dokumentiert werden.

Bezogen auf die konkrete Ausgestaltung der Zusammenarbeit der LiVD mit den kooperierenden Lehrkräften der allgemeinen Schule im Gemeinsamen Unterricht soll dabei hinsichtlich der Planung und Durchführung des Unterrichts kein Unterschied zwischen betreutem und eigenverantwortlichem Unterricht bestehen.

(siehe auch Qualitätsstandards für die sonderpädagogische Unterstüt­zung in der Grundversorgung/inklusiven Beschulung – NLSchB/Stand 8.11.12 sowie Auszüge aus der Dienstvereinbarung zum Einsatz des sonderpädagogischen Personals zw. MK und Schulhauptpersonalrat im Anhang).

Konkret kann sich die Zusammenarbeit im Gemeinsamen Unterricht wie unten beschrieben gestalten. Alle nachfolgenden Formen sind dabei denkbar, wenn sie inhaltlich begründet sind. Teaming ist anzu­streben. Ziel ist die Maximierung von Teilhabe:

  • Lehrende und Beobachtende („one teach, one observe“): Eine Lehrkraft übernimmt die primäre Verantwortung, während die andere beobachtet.
  • Lehrerende und Helfende („one teach, one assist“): Eine der beiden Lehrkräfte übernimmt die primäre Unterrichtsverantwortung, die andere unterstützt Schülerinnen und Schüler bei ihrer Arbeit, bei der Regulation ihres Verhaltens, bei der Verwirklichung ihrer kommunikativen Absichten usw.
  • Stationsunterricht („station teaching“): Der Unterricht wird in zwei inhaltlich differierende Bereiche aufgeteilt. Es werden Gruppen gebildet, die von einer Person zur nächsten wechseln, so dass alle Schülerinnen und Schüler nacheinander von beiden Lehrkräften unterrichtet werden.
  • Parallelunterricht („parallel / alternative teaching“): Jede Lehrkraft unterrichtet eine Klassenhälfte, beide beziehen sich auf dieselben Inhalte und berücksichtigen unterschiedliche Anforderungsniveaus.
  • Zusatzunterricht („supplemental teaching“): Eine Lehrkraft führt die Unterrichtsstunde durch; die andere bietet zusätzliches Material und differenzierte Hilfen für einzelne Schülerinnen und Schüler an.
  • Teaming: Regelschullehrkraft und Förderschullehrerin oder Förder­schullehrer führen den Unterricht mit allen Schülern gemeinsam durch, indem sie gemeinsam oder abwechselnd die Führung über­nehmen und in verbale Interaktion treten.

(vgl, Friend, M. & Cook, L.: “Interactions: Collaboration skills for school professionals”. Boston (2007)


Ergänzende Verweise:

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